Flirt mit Aliens by Georg Imdahl. Der Wunsch, Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen, so lernen wir in dieser Ausstellung, verbindet sich in den einschlägigen esoterischen Foren und Blogs häufig mit erotischem Begehren. Ob dieser Befund einer empirischen Erhebung standhielte, müsste eigens ermittelt werden. Auf seine Stichhaltigkeit aber scheint es nicht wirklich anzukommen, hier beim dritten Auftritt der Künstlergruppe Sun State, die diesem New-Age-Phänomen in einer audiovisuellen Gemeinschaftsarbeit nachgeht. Der Gruppe – bestehend aus den Musikern Jan St. Werner und Andi Toma sowie dem Bildhauer Diango Hernández – bietet das Thema Sex mit Extraterrestrischen in jedem Fall aber einen willkommenen Anlass zu allerlei Obskurantismen, zu futuristisch anmutenden Objekten, die zur Kontaktaufnahme mit den „Anderen“ geeignet sein mögen, in Wahrheit aber eher intelligente Reflexionen über eine ganz irdische Kunstgeschichte darstellen.

Es funkt heftig in der kleinen Gruppenschau – als Soundtrack dienen Ambientklänge zur Stimme einer Frau, die von einem amourösen Abenteuer mit einem Außerirdischen zu berichten weiß. Dazu hat Hernández eine Reihe kleiner Collagen geschaffen, die er Asteroiden gleich vor himmelblauen Fonds in ein imaginäres All schickt. Eine große Pupille schaut dem Betrachter beschwörend ins Auge, ein Blick wie von einem unbekannten Stern, während es drum herum donnert und blitzt, glüht und brodelt – sowohl vulkanisch als auch emotional. Manche Collagen scheinen das Motiv einer orgiastischen Welt zwischen Himmel und Erde mimetisch nachbilden zu wollen, und dass darin, wenn auch in diskreter Dosis, allerlei Pornos eingearbeitet sind, ist die geringste Überraschung in dieser Ausstellung. Welche Collage würde heute freiwillig auf den bewährten Teaser Porno verzichten? Zumal sich Hernández auch in früheren Arbeiten in einschlägigen Magazinen bedient, natürlich in sozialkritischer Absicht.

Subtiler sind die Skulpturen und Assemblagen, deren Bestandteile Hernández auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden aufspürt. Sie gehören, wie er berichtet, „einer anderen Familie oder Person und auch in eine andere Zeit“, sind dem Warenkreislauf entnommen, haben eine eigene Biografie. Im Atelier mustere er die Fundstücke und finde eine Geschichte dafür – oder er lasse sich von den Dingen selbst sagen, was er damit machen soll. Für die Sun-State-#3-Ausstellung haben sie ihm durchaus Stimmiges eingeflüstert, zumal eines der Fundstücke schon einmal als Kunstwerk unterwegs gewesen ist. Das futuristische Objekt, das Hernández beim Trödel aufgelesen hat, trägt die Signatur eines K.H. Schmaltz und den Titel Cella Nova P 18. Der Finder lässt sie im Stroboskoplicht auf einem Plattenteller rotieren und dergestalt um die Düsseldorfer Zero-Kunst und den berühmten Licht-Raum-Modulator eines László Moholy-Nagy kreisen. Wenn Hernández diesen Plattenteller in zahlreichen Sequenzen abfotografiert, so paraphrasiert er eine Fotografie des Unsichtbaren, Bilder im Zeichen von Psi und Psyche, die ganz in das Universum der Außerirdischen passen.

In einer raffinierten, wenn auch nicht sofort ersichtlichen Paraphrase von DuchampsFahrrad-Rad aus dem Jahr 1913 bezeugt Hernández die Reflektiertheit seiner Skulptur. Er drückt die Schenkel eines schwarzen Stativs in die Horizontale durch, legt sie auf eine weiße Drehscheibe und steckt anstelle der Kamera einen farblosen Stab aus Murano-Glas in die Windung. So rotiert der aufgerichtete Stab mit seinem kleinen, koketten Knauf um sich selbst – fertig ist der aseptische Fetisch mit erstaunlicher psychosexueller Aufladung, einer Ausstrahlung, die allein auf jenen Fundstücken beruht, die kombiniert und zu neuer Bedeutung sich selbst entfremdet sind. Das kinetische Objekt trägt die Erinnerung an die Innovationen und den epistemologischen Bruch in sich, den die Skulptur im frühen 20. Jahrhundert zutage gefördert hat – und demonstriert zugleich mühelos seine heutige Zeitgenossenschaft. Man könnte auch an Pablo Picassos Stierkopf von 1942 denken, doch geht es Hernández mehr um eine spielerische Brechung, nicht um eine Remythisierung des Objekts, und eine ungebrochen maskulinistische Geste à la Picasso liegt ihm ohnehin fern. Das bezeugt ein weiteres aus Murano-Glas geblasenes, fragil erscheinendes, ironisch-ekstatisches Objekt: Eine dünne, langstielige Vase ragt hoch oben reichlich phallisch aus der Wand. So sind letzte Zweifel ausgeräumt, unter welchen Vorzeichen man die Außerirdischen willkommen heißen will.

Die Ausstellung macht Spaß. Sie schickt die Besucher auf recht abwegige Pfade, um sich am Erzählerisch-Spekulativen zu entzünden und dann doch wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Sie spielt vordergründig mit zeitgenössischen Sehnsüchten, die sich im erträumten – erotischen – Kontakt mit Außerirdischen manifestieren, um dafür Vehikel oder Tentakel zu erfinden. Hinter diesen Objekten verbergen sich kluge Bespiegelungen von deren Gestaltwerdung und deren Verankerung in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Alles Weitere – bleibt Spekulation.

source: published in 13. November 2009, Artnet Magazin (Germany)