Glückselig der, dessen Welt innerhalb des Hauses ist! J. W. v. Goethe

Diango Hernández Werk ist geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem Begriff ‚Heimat‘ als Ort und Gefühl. Seine ‚Heimat’ ist die individuell erschaffene Vorstellung, die teilbare Erfahrungen ersetzt hat. Die Kunst wird zum Vehikel der Gefühle im Blick auf diese Erinnerungen und zur Brücke zwischen den Orten. Mit ‘Eugene’ präsentiert die Kunsthalle Münster jetzt eine großartige Ausstellung des 1970 auf Kuba geborenen und heute in Düsseldorf lebenden Künstlers.

Auch wenn Hernández seine geografische Heimat Kuba bereits 2003 verlassen hat, in seinen Arbeiten beschäftigt sie ihn bis heute. Er nähert sich dem Ort und den Emotionen, die ihn tragen, beständig an. Er blickt kritisch auf die Ideologie, die in ihrer sozialistischen Ausprägung hier auch den Begriff der Heimat vereinnahmt und seiner individuellen zugunsten einer kollektiven Erfahrbarkeit beraubt hat.

Und dabei wählt er einen Blick, der an den Blick durch ein Mikroskop erinnert. So wie sich dort, in der Annäherung an ein Objekt, eine faszinierende, neue, unbekannte und eben detailreiche Welt offenbaren kann, die aber doch ihren Bezug zum Raum, zum Körper, zum Ursprung verloren hat, so sind Hernández Werke bildgewordene Vergrößerungen von Erinnerungen und Erfahrungen.

In seinem Werk ‚Book of Waves‘ hat Hernández diese Arbeitsweise auf eindrucksvolle, bewegende wie poetische Weise, demonstriert. Die ideologisch und zeitlich in die gefühlte Unendlichkeit mäandernderen Reden Fidel Castros werden, Wort für Wort, zu Wellen. Kontext und Form lösen sich in der wortwörtlich unbeschreiblichen Nähe auf und werden zu etwas Neuem. Und dieses Neue bekommt in seiner Entfernung und Entfremdung vom Ursprung  auch eine neue Bedeutung: Die Wellen, die Worte waren, werden zu Wellen, die das Wasser sind, das Kuba von Florida, und damit zwei Systeme und Vorstellungen, trennt. Der Blick ins Innerste, in einen begrenzten und eingrenzenden Raum, kehrt sich in den Blick auf die Möglichkeiten, Hoffnungen, Träume, die das Äussere, das Meer, bedeuten. Heimat haben und Heimat verlassen, Heimat als ideologische Konstruktion erleben und Heimat als Sehnsuchtsort verstehen – in diesen Wellen schwingen alle Emotionen.

Ideologie ist der Feind des Reisens. Sie hindert am freien und unvoreingenommenen Gedankenaustausch, sie beschränkt Erfahrungen und Erlebnisse auf den Raum, in dem sie gilt. Sie beschreibt den Gegensatz von Kompatibilität zum Nutzen einer freien Entfaltung. Für Diango Hernández manifestiert sich diese ideologische Beschränktheit in den Steckbausteinen von LEGO (West) und PEBE (Ost), die in der Mitte einer Plexiglasscheibe, je auf einer Seite, nicht nur durch diese, bei aller vermeintlicher Durchlässigkeit doch unüberwindbare Grenze, getrennt sind. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass auch ihre Noppen nicht kompatibel sind, eine Verbindung (Versöhnung, Annäherung, Gemeinschaft, ein Mehrwert) dementsprechend systemimmanent unterbunden wird.

Im Hauptraum der Ausstellungshalle steht auf dem Boden ein Puppenhaus. Jedenfalls findet sich kein anderes Wort dafür, auch wenn sich dieses ‚Haus‘ in seinem kühlen ‚Form-follows-function‘-Stil der 70er Jahre, der Erfahrungswelt und der Emotion, die dem Begriff vermeintlich innewohnt, verschließt. Hernández hat dieses Modell aus dem DDR-Kombinat  Vereinigte Erzgebirgische Spielwarenwerke Olbernhau, kurz VERO (sic!), auf einem Flohmarkt erstanden.

Es ist ein an Lieblosigkeit kaum zu überbietender Versuch, die modernistische, beklemmend auf Funktionalität ausgerichtete Architektur der real existierenden, sozialistischen, äusseren Lebenswelt, in die naive, freie, unideologische und verspielte innere Lebenswelt eines Kindes einzugliedern. Diese Räume bieten auch in Kinderhänden so recht keinen Raum mehr für die Erschaffung eines neuen Ortes, einer neuen Welt.

In diesem Modell findet sich allerdings ein kleiner Hinweis darauf, wie groß vielleicht die Sehnsucht war, es dennoch zu versuchen. An einer der Zimmerwände findet sich eine gekrakelte Kinderzeichnung. So direkt wie abstrakt, ist sie der Hinweis auf Leben und Lebendigkeit, die sich mit diesem kühlen Umfeld verbunden haben.

Diango Hernández greift für diese Zeichnung und das Gebäude selbst wieder zum Mittel der Vergrößerung. Indem er das Haus im Maßstab 1:10 vergrößert nachgebaut gleich neben dem Original präsentiert, nimmt er ihm zwar auf der einen Seite den ursprünglich zugedachten Sinn des Puppenhauses und entzieht es seinem Kontext. Andererseits wird es so aber aufgeladen mit den Emotionen und Gedanken des erwachsenen Betrachters. Die Erinnerungen an die eigene Kindheit, an das eigene Spielzimmer, das eigene Spielzeug, die Wohnung, das Haus, die Nachbarschaft, werden wachgerufen, indem dieser auf Be- und Erlebbarkeit vergrößerte Raum eine neue Einsicht ermöglicht.

Aus diesem Raum herausgetrennt findet sich die Kinderzeichnung in sieben Vergrößerungsstufen und auf Leinwand gebannt jetzt an einer der Ausstellungswände. Aus der Gesichts- und Emotionslosigkeit des ursprünglichen Ortes befreit, wird es so als Kunstwerk zum Ausdruck von Individualität und Kreativität.

Heimat bedeutet Erinnerung und Erfahrung. Und der Gedanke daran, die innere Heimat, kennt keine Grenzen, weder durch Mauern, noch durch Wände. Heimat reist als Idee und Ideal mit und bekommt im besten Fall die Chance, sich an einem neuen Ort zu manifestieren, wie die Kinderzeichnung in einem Puppenhaus.

Schließlich bleibt noch, ‚Eugene‘ zu entdecken. Die Ausstellung trägt ja schließlich seinen Namen. Eugene ist der Vorname einer fiktiven Person namens Eugene von Gundlach. Der deutsche Dokumentarfilmer bereiste in den 1970er Jahren sozialistische Länder, um den Einfluss dieser Ideologie auf die Flora und Fauna fotografisch zu dokumentieren. Auf einer Filmdose, die er von einer seiner Reisen mitbrachte, und die hier gezeigt wird, steht zu lesen: ‚Give everything back to nature, including those leaves that your shoes unintentionally took home‘.

Hier also wieder das Spiel mit Heimat und Reise. Und die Fragen: was nehmen wir mit von unseren Reisen, und was ist es dort, wo wir es hinbringen? Wieviel Heimat bleibt an einem anderen Ort? Wir sehen sich wiegende Bambushalme, sie lassen unsere Gedanken in die Ferne schweifen, sind Exotik, Urlaub, Ferne. Und doch sind diese Aufnahmen ein Filmdokument, das von Gundlach aus dem Zoo Havannas mitgebracht hat. Und es zeigt in Wahrheit nicht mehr und nicht weniger als den Blick, den der Berggorilla dort aus seinem Gehege hat.

Für ihn ist dies die Heimat. Nur hier, an diesem Ort. So individuell wie ortsgebunden. Und doch, wenn man es weiss, kann auch der Betrachter seine eigene Heimat in diesem Blick finden.

Die Ausstellung ‚Eugene‘ ist so erfahrbar wie poetisch, nachdenklich und humorvoll, im besten Sinne einfach wie im besten Sinne komplex. Diango Hernández fordert uns auf, mit auf die Reise zu gehen. Eine Reise in seine, wie in die eigene Kindheit, eine Reise, die Grenzen aufzeigt und Möglichkeiten, sie zu überwinden. Es sind faktische und gedankliche Reisen und sie führen uns unserem Begriff von Heimat näher. Sie bieten Anlass, unsere Definition von Heimat zu hinterfragen, vor allem aber, sich ihrer bewusst zu werden.

  Retrospektiven
“Eugene” Diango Hernández solo exhibition 30. June – 6. September 2015
Kunsthalle Münster
Hafenweg 28
48155 Münster
Germany
kulturamt@stadt-muenster.de
Kunsthalle Münster | supported by Friends of the Kunsthalle Münster | The exhibition is supported by Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen