Zeitgenössische Kunst, möchte man meinen, ist politisch, kritisch und provokativ – und wenn sie sich mit den herrschenden Verhältnissen dieser Welt beschäftigt, dann erwartet man von ihr eigentlich eher Zuspitzung als Wohlwollen. Aber manchmal nehmen sich Künstler eben das Recht heraus, solche Erwartungen zu unterlaufen – wie jetzt Diango Hernández im Museum Morsbroich. Seine Heimat habe er durchaus als Diktatur erlebt, sagt der gebürtige Kubaner des Jahrgangs 1970. In seiner Ausstellung in Leverkusen geht es ihm aber keineswegs darum, das politische System des Inselstaates auf die Anklagebank zu setzen.

In der Darstellung seiner Erinnerungen zielt Hernández nach eigenem Bekunden vielmehr auf eine “poetische Wahrheit”. Er fahndet nach künstlerischen Formen für seine Erfahrungen im karibischen Kommunismus. Die waren zwiespältig, aber keineswegs unversöhnlich. Die Wahrnehmung des Heranwachsenden war maßgeblich dadurch geprägt, dass der Vater Kuba und die Familie früh verließ, er ging nach Amerika, um dem System zu entkommen, während die Mutter eben diesem als überzeugte Sozialistin treu blieb.
Stationen einer kubanischen Biografie

Der seit Jahren in Düsseldorf lebende Hernández fächert in den Räumen des Museums einzelne Momente seiner Biografie auf – wie zum Beispiel die Orangen, die er anstelle von Glühbirnen auf Leuchter aus Aluminium steckt. Womit er nicht nur auf den häufigen Stromausfall in Kuba anspielt, sondern auch auf den Arbeitsdienst in den Orangenfeldern, den der Internatsschüler einst als Gegenleistung für seine Bildung erbringen musste. In einem der Räume versammelt Hernández kleine figurative Skulpturen der klassischen Moderne in Kuba, die in seiner Verwandtschaft gesammelt wurden. Jene Metalldrähte wiederum, die sich expressiv durch den Raum winden, symbolisieren einzelne Hurrikans seit den 1950er Jahren, von denen Kuba regelmäßig heimgesucht wurde. Schließlich rekonstruiert Hernández mit einfachen Mitteln den Grundriss des Elternhauses, in dem die Mutter noch immer lebt.

Vor allem aber dominiert in seiner Ausstellung die Wellenlinie an der Wand, die beileibe nicht nur karibisches Flair verbreiten soll. Sie spielt überraschenderweise auf die einstige Omnipräsenz von Fidel Castro an. Überall in der Öffentlichkeit, im Radio, der Zeitung, wohin man auch kam, war der “Máximo Líder” zugegen, seine Stimme hörbar, und Hernández hat sich eine Wellenschrift ausgedacht, mit der er die Reden des Revolutionärs in eine Linienschrift übersetzt.
Ungewöhnliche Form der Kritik

Diese nun malt er auf die Wände des Museums und versetzt dessen Räume in eine flüssige, wogende Bewegung. Man fühlt sich wohl in der Ausstellung – und versteht irgendwann auch ihren seltsamen Titel “Theoretical Beach”, also theoretischer Strand. Es gibt offenbar in der Gegenwartskunst Möglichkeiten, eine eher unbequeme gesellschaftliche Existenz in abstrakte Chiffren zu übersetzen, in denen man es sich bequem machen kann. Allerdings: Ist das am Ende nicht doch alles reichlich affirmativ? Könnte ein chinesischer Künstler in dieser Weise überzeugend von Mao erzählen oder einer aus der DDR von Erich Honecker? Frage an die Kuratorin Stefanie Kreuzer:

“Ich sehe das schon, dass er auch durchaus eine Form von Kritik übt, die vielleicht für uns eine ungewöhnlichere Form von Kritik darstellt, weil wir es vielleicht eher verbalisieren würden und Angriffe setzen würden. Er löst es sozusagen in dieser Wellenformation auf, aber auch selbst das kann ich ja sozusagen also eine Wortflut, als ein Überschwemmen auch lesen – also für mich ist das schon eine Form von Kritik, die aber jetzt nicht so sehr harsch geäußert ist, sondern immer noch einen menschlichen Unterton mitschwingen lässt.”

Tatsächlich entfaltet die Ausstellung – bei allem reduzierten Formenvokabular – eine erstaunliche Bandbreite an Gefühlsmomenten und Stimmungswerten. Und neben der subtilen Kritik findet darin auch etwas ihren Platz, was man in der zeitgenössischen Kunst eigentlich weniger erwartet: echte, unverbrüchliche Heimatliebe.

source: Deutschlandfunk