Gegen den Strich: Diango Hernández begann in Kuba mit Kugelschreiberzeichnungen. Heute lebt er in Düsseldorf, und viele seiner Arbeiten sind nun raumgroße Installationen. Doch immer noch untersuchen sie die Auswirkungen von Linien.

 

Diango Hernández liebt Hurrikans. Bereits als Kind habe er sich auf die Zeit der Tropenstürme in Kuba gefreut, erzählt er. Oft stand er damals mit seinen Freunden im Auge des Orkans: „Tatsächlich ist es im Zentrum ganz still, während sich rundherum ungeheure Energie entlädt. Am nächsten Tag sahen die eleganten Palmen aus wie riesige nackte Säulen, schwere Dinge waren völlig willkürlich von einem Punkt zum anderen bewegt worden. Der Hurrikan bescherte uns Veränderung. Vielleicht genau jene Veränderung, die uns von einer Gesellschaft versagt wurde, die in einem völlig statischen Prozess gefangen war, der sich paradoxerweise Revolution nennt.“

Über vier Jahrzehnte später sitzen wir in der Küche seiner Wohnung im beschaulichen Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel. Das Corbusier-Grau der Wände, der schlichte Keramikaschenbecher, sein weiter Pullover mit dem Rosenornament: Jedes Detail verrät Hernández’ Begeisterung für Design. Während die Nachrichten eben noch von blutigen Kämpfen in Gaza, der Ukraine und in Syrien berichteten, scheint die Welt an diesem westdeutschen Spätsommermorgen davon völlig unberührt, wie im Auge eines Hurrikans.

Genau von diesem Widerspruch, von der Gleichzeitigkeit, dem Leben im Zentrum und der von Katastrophen geschüttelten Peripherie, erzählt Hernández’ Werk. Als er in den frühen 1990ern in Havanna Industriedesign studiert, implodiert der Ostblock. Das von den Importen der Sowjetunion abhängige Kuba erlebt ohne Vorwarnung eine verheerende Wirtschaftskrise, die euphemistisch als „Sonderperiode in Friedenszeiten“ bezeichnet wird. Die Menschen hungern, es gibt keine Konsumgüter, keine Produktionsmittel, keine Bars mehr. „Als ich meinen Abschluss hatte, hieß es: Leute, es gibt nichts mehr zu produzieren.“ Hernández, der an der Universität auch Vorlesungen von den Memphis-Designern Ettore Sottsass und Alessandro Mendini gehört hatte, beginnt stattdessen zu recherchieren. 1994 gründet er die Künstlergruppe Ordo Amoris Cabinet mit, die improvisierte Alltagsgegenstände von Freunden und Nachbarn sammelt und ausstellt. Stühle, Lampen, Toaster, selbstgebastelt von Ingenieuren und Rechtsanwältinnen, liest die Gruppe als Soziogramme einer kollabierenden Gesellschaft: „Armut, Leiden und Frustration kamen in diesen Objekten zum Ausdruck, das war auch eine Form von Widerstand, zu zeigen: Wir werden das überleben.“ Mithilfe von Stiftungen touren die Ausstellungen ins Ausland – wo die Objekte aus ihrem politischen Kontext gelöst als objets trouvés ästhetisiert werden.

2003 geht auch Hernández. Im Gepäck hat er Hunderte noch nie gezeigte Kugelschreiberzeichnungen und Aquarelle, die seit 1994 nach Gesprächen mit den Herstellern der selbstgebastelten Objekte entstanden. Es ist nur ein Teil, den er außer Landes bringen kann.

Seine Ausstellung “Amateur”, 2003 in der Kötner Galerie Wiesehöfer, wird ein durchschlagender Erfolg: Der westliche Kunstbetrieb umarmt Hernández, der nun selbst Objekte und Installationen produziert. Wie die gefundenen Objekte aus Kuba sind sie aufgeladen mit Erinnerungen, Sehnsucht, Frustrationen. “Samen” nennt er seine Geschichten, aus denen die Werke entstehen. “We are all Unfinished Drawings” heißt seine Installation für die Biennale in São Paulo 2006: Schwere Betonkuben auf einer riesigen, schachbrettartigen Zeichnung greifen Elemente der Hochhäuser der Avenida Paulista in Säo Paulo auf- ein Zentrum wirtschaftlicher, technologischer, kultureller Macht und Ausdruck der Modernität Lateinamerikas. Doch im gemalten Schatten dieser Hochhäuser findet sich ein PropagandaVideo mit einem lachenden kubanischen Pioniermädchen, das unter Orangen buchstäblich begraben wird.

Hernández, der heute 44 Jahre alt ist, besuchte einst selbst eine Internatsschule, in der Arbeitsdienst auf den Orangenfeldern zum tagtäglichen Curriculum gehörte. Hier wurde auch sein bester Freund von Mitschülern im Schlafsaal erstochen, was ihn 2009 zur Ausstellung “Losing you tonight” inspiriert. Den Ausgangspunkt der Schau bildet die Installation “Museum der Schatten”, in deren Zentrum die Statuette eines Diskuswerfers mit schwarz verbranntem Kopf steht. Die “antike” Figur wurde in den 30er-Jahren von der Porzellanmanufaktur Allach als Inbegriff des “Neuen Menschen” hergestellt – einem SS-Betrieb, der ab 1940 seine gesamte Produktion ins Konzentrationslager Dachau verlegte. Gleich dem Hurrikan dreht sich der Diskuswerfer nur um sich selbst.

Wie bei allen seinen Werken verändert dieses Wissen den Blick auf Hernández’ Arbeit schlagartig. Genau diesen Moment möchte er niemals missen, sagt er – ein Künstler, der eigentlich der Inbegriff einer poetisch-politischen Kunst sein könnte, die durch verführerische Oberflächen und gekonnte Referenzen an die Moderne besticht. Doch es ist genau umgekehrt- Diango Hernández’ Werke sind abgründig bis zur Depression. Nach seiner letzten Einzelausstellung, für die er Grafitbilder von Allach-Figuren herstellte, konnte er sein verwüstetes Studio für ein halbes Jahr nicht mehr betreten, weil sein Gemütszustand so schwarz war wie der Grafitstaub, der sich über alles gelegt hatte. Seine erste Soloschau 2013 bei der Berliner Galerie Capitain Petzel, “Komplette Zimmer”, sah aus wie eine Verbeugung vor dem modernen Design der DDR und der BRD. Doch tatsächlich verwandelten seine lichten, nach Grabsteinmodellen (aus einem Fachbuch der Granitindustrie, das aus den Fünfzigern stammt) modellierten Stahlskulpturen die Galerie auch symbolisch in einen Friedhof des immer mächtiger werdenden Kunstmarktes.

Ob er, wie in der Kunsthalle Basel, ein verzweigtes, improvisiertes Wasserrohrsystem durch eine Nachkriegs-Wohnzimmergarnitur zieht, seine sozialistische Schule in Kuba aus Käse nachbaut – immer handelt es sich um Denk- und Gefühlsbewegungen, die sich aus dem Zentrum entfernen. Das Zentrum, das sind die großen, homogenisierenden Erzählungen der Moderne, der westlichen Kunstgeschichte und der ideologische Terror des 20. Jahrhunderts. Die Moderne mit all ihren ästhetischen Versprechen taucht in Hernández’ Werk nur auf, weil sie Teil seiner Geschichte ist, doch seine künstlerische Sprache versucht sich ihr radikal zu entziehen.

Portrait: Eva Baales / source: AD magazine (Germany)