Betritt man einen Laden, der mit Möbeln aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts handelt, taucht man in eine Atmosphäre der Stile und Ideologien, die jeweils ihre eigenen Bilder des wohnenden Menschen, der Familie, der Privatheit erzeugt haben. Epochales Denken der Moderne und der Postmoderne, Zeitgeist, verkörpert sich in Farben, Materialien, Proportionen. Dieser Situation hat Diango Hernández etwas hinzugefügt. „Dream Liners“ zeigt eine Reihe von technische Zeichnungen, die Hernández auf einem seiner vielen Streifzüge durch Antiquariate gefunden hat. Einzelblätter oder aus Büchern herausgetrennt, aus dem Unterrichtszusammenhang, aus der Produktionsplanung, sie sprechen eine exakte Sprache im Zusammenspiel von Linien, Ziffern, Begriffen. Für die Herstellung von Möbeln sind sie ein normiertes Kommunikationsmittel. Hier zwischen den ausgestellten Möbeln, aus ihrem funktionalen Zusammenhang herausgerissen, wirken die Verweise, Erläuterungen, Titel, Nummerierungen des trockenen technischen Diskurses nun poetisch: „Zu Blatt 18“, „Fig. 1-4“, „II. Teil und Anhang“ „The Cabinet-Maker and Upholsterer‘s Drawing-Book in four parts“. Ihnen haftet nicht nur die Melancholie vergangener Zeiten an, sondern man kann nicht umhin, an die Konzeptkunst und ihre Untersuchungen von Definitionen und Bezeichnungen zu denken. Hernández macht nur wenig, um die technischen Zeichnungen von der Eindeutigkeit in eine poetische Unbestimmtheit zu überführen: Durch Collagierungen werden die technischen Angaben unklar, durch hauchzarten farbigen Pigmentauftrag werden sie ‚verschönert‘. Die Art des Zeigens, die im ursprünglichen Zusammenhang rein zweckmäßig gewesen wäre, wird zu einer feierlichen, nobilitierenden Geste. Die Blätter hängen an Möbelfragmenten, werden mit Diaprojektoren projiziert, auf Tischen ausgebreitet, mit Lampen beleuchtet.

Dazwischen die Möbel, von Designern und Architekten entworfen, die sich viele Gedanken über das Verhältnis von Form und Funktion gemacht haben. Als Ausstellungsstücke haben die Möbel ein Leben hinter sich und warten darauf, ein neues zu beginnen. Ihre Funktion ist vorübergehend außer Kraft gesetzt, sie ist jedoch anwesend als ein Versprechen für die Zukunft.

Es ist dieser Zwischenzustand, der Hernández zu seinem Kommentar angeregt hat. Dieser besteht darin, an einen ‚Vorzustand‘ zu erinnern und zwar mithilfe jener technischen Zeichnungen, die er gefunden und bearbeitet hat, die er zu seinen eigenen Zeichnungen gemacht hat. Er möchte die Möbel an ihren Entstehungsprozess erinnern. Sie wurden industriell produziert, zwischen dem Entwurf und der in Serie hergestellten materiellen Form gab es verschiedene Umsetzungschritte, arbeitsteilige Verfahren, in denen Kommunikation eindeutiger Inhalte praktiziert wurde, bis zum Endprodukt, das sich schließlich als Ware auf einem Markt behauptete, indem es Form und Funktion versprach. Der Verweis auf den ‚Vorzustand‘, auf verschiedene Seinszustände entlastet die Möbel von ihrer fixen Identität als Produkt.

Aber Hernández kommentiert mit „Dreamliners“ noch etwas anderes und zwar aus der Sicht eines Künstlers, für den eine Zeichnung etwas anderes ist als eine technische Zeichnung in einem Produktionszusammenhang.

Das Medium der Zeichnung spielt für Hernández eine wichtige Rolle. Es gibt sehr viele Zeichnungen von ihm, auch nennt er seine Gemälde und Collagen manchmal so. Künstlerische Zeichnungen stehen heute für die Unmittelbarkeit der künstlerischen Idee, für die Freiheit von materieller Restriktion – seit es die Autonomie der Kunst gibt. Hernández erinnert daran, dass es die Trennung der freien und der Gebrauchskunst erst seit Beginn der Moderne gibt und dass es eine Zeit gab, in der die Grenzen zwischen autonomer und Gebrauchszeichnung nicht existierten, in der ästhetische und praktische Aspekte kongruent waren. Wie könnte dies heute wohl aussehen? Diese Frage schwebt im Raum.

Schließlich ist eine eindrucksvolle Arbeit von Hernández in diesem Ambiente ein farbig bearbeitetes Papier, das zerrissen und zusammengefaltet wurde. Es taucht als Abbildung auf den folgenden Seiten mehrmals auf: Ein anschauliches Bild der künstlerischen Autonomie, die das Entwerfen und das Verwerfen kennt, frei vom Zwang zur Produktion.