Die Galerie Barbara Thumm freut sich zum Jahresabschluss die Künstler der Galerie zu einem „Gruppenbild“ zu vereinen. Die gleichnamige Ausstellung präsentiert mit Arbeiten von 1965 bis heute das klassische Figurenbild und neueste Interpretationen dieses Themas.

Eintragungen ins Nichts, das seien wir. So sang einst Jochen Distelmeyer. Aber wer trägt heute wen in dieses Nichts ein, und vor allem als was? Leicht kann man sich auf die Tatsache einigen, dass der Mensch mehr sei, als die Summe seiner Teilchen und seine Spuren wohl mehr als nur Eintragungen ins Nichts. Doch sind wir im Medienzeitalter bereit, mehr von unseren Abbildungen zu glauben als unsere Eintragungen uns bedeuten? Die Wahrheitsrelation zwischen der Eintragung und dem Sachverhalt, auf den sie verweist, steht im Zeichen von Big Data mehr denn je auf dem Prüfstand. Welchen Stellenwert hat das Zeichen vom Menschen in der Aufmerksamkeitsökonomie, der wir unsere Abbilder anvertrauen? Abbildungen, das sind längst nicht mehr nur bildliche Darstellungen, sondern allerhand Metadaten und komplexe Informationen zum Sozialverhalten im virtuellen Raum. Soziale Netzwerke oder Castingshows zeugen von der breiten Anerkennung dieses ökonomischen Werts, der auf die eigene Person, in Form des Selbstwertgefühls magisch einwirkt und unsere Beziehungen kanonisiert.

„Die Aufmerksamkeit anderer Menschen“ sei, nach Georg Frank, die „unwiderstehlichste aller Drogen“. Ihr Bezug steche jedes andere Einkommen aus. Darum stehe der Ruhm über der Macht, darum verblasse der Reichtum neben der Prominenz. So buhlt das selbstgeschaffene Abbild noch um die kleinste Anerkennung. Hier kommt die Kunstform noch der schnödesten Erscheinung bei; den Zankapfel unter die selbsternannten Götter geworfen, liegt das Urteil des Paris nunmehr bei Dieter Bohlen. Der Wahnsinn einer inflationären Masse an Superstars, die in Castingshows in Erscheinung treten, in denen die Normalität sich kurzfristig aufwerten will, nur um das bereits sichtbare Schicksal des Verblassens für einen Moment vergessen zu machen, hätte Andy Warhol, der einst „Fifteen minutes of world-fame for everybody“ prophezeite, gewiss ein Lächeln abgerungen. Soziale Netzwerke beziffern die Selbstdarstellung mit ihrer eigensten Währung; der Zahl der „Friends“, „Shares“, „Connections“ und „Likes“. Selbst die negativste Erscheinung des „Troll“ genannten Internet-Vandalen, erfreut sich dieser reichlich ausgeschütteten Valuta. Sie ist sein Lebenselixier. Ob positive oder negative Erscheinung, die schiere Zahl der Reaktionen, gleich welcher Art, scheint den Selbstwert zu definieren. Nie aber will die Gruppe bewertet werden. Die vermeintliche Community der Narzissten scheint über jeden Verdacht erhaben.

Die Menschen akzeptieren indes die Differenz zwischen Normalität und Starsystem als ihr Schicksal: Das Starsystem zieht seinen Profit aus der Vergrößerung dieser Differenz. Die Annäherung der Kunst an das Leben hat im Medienzeitalter mit dem Charakter der Künstlichkeit jedoch mehr gemeinsam als einem lieb sein mag. Die Fragen, die sich am Ende des Tages stellen sind: Hat Mickey Mouse eine Persönlichkeit? Gibt es Superstars wirklich? Lauert hinter den Fassaden der Kunstfiguren nicht der stumpfe Glanz der Normalität? Glauben wir einer Kunst, die den Menschen nur im Sinne ihrer Aufmerksamkeitsökonomie ins Nichts einträgt? Wie schnell inflationiert doch der Wert dieser Eintragung. Sollten wir uns stattdessen nicht lieber mit einer Kunst gemein machen, welche die menschliche Existenz jenseits von Prestige, Reputation, Prominenz und Ruhm wertschätzt und ihr Gestalt verleiht? Die analogen Beziehungen mögen bei der „Generation Kopf unten“ von akuter Verkümmerung bedroht sein. Aber es gibt sie und was die schöne Kunst darüber zu sagen hat, lässt sich nicht von der Bildfläche wischen.

Teresa Burga, Martin Dammann, Valérie Favre, Diango Hernández, Simon Cantemir Hausì, Anne-Mie van Kerckhoven, Anna K.E., Johnny MiIler, Chloe Piene.

Galerie Barbara Thumm
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