Diango Hernández in Der Galerie Michael Wiesehöfer, Köln, und bei Barbara Thumm, Berlin. Wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Dieses geflügelte, metaphorisch auf die Dialektik und die Kehrseiten der Aufklärung bezogene, in vielen Varianten überlieferte Wort könnte als Motto der aktuellen Ausstellung von Diango Hernández dienen, deren komplexe Struktur sich schon darin andeutet, dass sie sich auf zwei Galerien in zwei Städten verteilt – auf Hernández’ deutsche Stammgalerie Michael Wiesehöfer in Köln und Barbara Thumms Dependance in der Berliner Markgrafenstraße. Dabei wird das metaphorische Licht der Aufklärung in zahlreichen Abstufungen auf die Zeichnungen, Collagen und Installationen projiziert und wirft ebenso viele Schatten, die das Publikum im Berliner Ausstellungsteil sogar bis zur Grabesschwärze abdunkeln kann. Dort steht Shooting the light, eine raumfüllende Installation aus rostigen Metallplatten, im Mittelpunkt.

Die Platten verkleiden einen Großteil des Raumes wie eine Bühne, in deren Mitte aufgereiht sieben nackte Glühbirnen an Kabeln hängen. Die kleinen Steine, die vor allem den hinteren Teil der Installation übersähen, stammen von einem Haufen im vorderen Teil des Raumes, jeder einzelne von ihnen die Folge eines Gewaltaktes der Ausstellungsbesucher. Diese nämlich sind aufgefordert, mit Steinen auf die Glühbirnen zu werfen, wovon schon am Eröffnungsabend so reichlich Gebrauch gemacht wurde, das die Galerie in einer pragmatischen Interpretation des Konzepts einige Sätze neue Leuchtkörper beschafft hat, um dann und wann einen wiedererleuchtenden Reset einzuläuten und neue Lampen in die Fassungen zu schrauben.

Je nachdem nämlich, wie viele Steine das Ziel erreichen, wird es naturgemäß immer dunkler in der Installation, nur eine Birne ist aus polierter Bronze und hat von vornherein nicht zur Erhellung beigetragen. Je dunkler der Raum wird, desto weniger Licht fällt auf eine Reihe gerahmter Collagen, in denen Hernández Schwarzweißabbildungen historischer Produkte der berühmten Meißener Porzellanmanufaktur aus Bestandskatalogen von DDR-Museen mit farbigen Ausschnitten aus Pornomagazinen versieht. Wie Hernández selbst äußerte, bezieht er sich damit auf einen der wichtigsten Grundsätze einer sozialen Revolution, der darin bestehe, die Idee der Bourgeoisie zu dekonstruieren und dafür jede denkbare schmutzige Strategie zu nutzen. Die politische Botschaft der Collagen besteht also weniger in einer Art Antipropaganda oder ironischen Verkehrung direkter Inhalte. Hernández knüpft eher an die Collagen der Surrealisten an und nimmt ihre oft verschlüsselten und symbolträchtigen Verweise auf verborgene Begierden auf.

Diese Auseinandersetzung mit verdrängter Sexualität drückt sich schon im Titel des Cabin of Cutted Desires im Kellerraum der Galerie Wiesehöfer aus. In einem abgedunkelten Raum hängen 15 weitere Collagen aus der Serie. Das spärliche Licht kommt von einer verhängten Deckenlampe, die aus einem umfunktionierten, auf den Kopf gestellten hölzernen Esstisch besteht. Die Verwendung und Umfunktionierung vorgefundener Materialien und Abfallprodukte bildet wie die politische Lichtmetaphorik einen sich ebenso durch Hernández’ Werk ziehenden roten Faden. Was in der jüngeren europäischen und US-amerikanischen Kunstgeschichte vor allem als Verweis auf die Überflussproduktion der hochkapitalistischen Gesellschaften zu lesen wäre, versteht sich bei Hernández auch aus seiner Sozialisation in einem Land, das bis heute von Konsumgütern nicht eben überschwemmt wird und wo Gebrauchsgegenstände des Alltags häufig recycelt werden müssen.

Dadurch wird vielleicht doppelt interessant, dass Hernández künstlerische Methode eine ganz konkrete handwerkliche Basis hat. Trotz der unterschiedlichen zum Einsatz kommenden Medien ist es das tägliche und tagebuchartige Zeichnen, aus dem alle seine Ideen erwachsen. Und ist nicht das große, leere, eiserne Bücherregal mit seinen schmalen Stangen, in dem in Köln nur The Only Book steht – die Erstausgabe von Che Guevaras La guerra de Guerillas (1960) – eine Art Zeichnung im Raum? Und damit auch eine kunsthistorische Erinnerung an die Metallskulpturen von Julio Gonzales oder die Displays der dürren Figuren von Alberto Giacometti?

Letztlich führt Hernández uns in eine Echokammer der Kunst- und Kulturhistorie, aber auch der politischen Geschichte, in der unversehens Reminiszenzen an verschiedene Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts wie die surrealistische Collage  oder die Minimal Art mit Erinnerungen an politische Ereignisse in Kuba verbunden werden. So bezieht sich Happy Birthday Dear President, das Anfang dieses Jahres in der Schau „Wessen Geschichte“ im Kunstverein in Hamburg zu sehen war, auf das weltweit größte öffentliche Schachspiel, das die kubanische Regierung am 7. Dezember 2002 als Massenspektakel inszenierte. In einem anderen Fall, in einer Einzelausstellung 2007 im Neuen Aachener Kunstverein, bildete eine subversive Aktion 1991 in einem Kino in Havanna, an der Hernández selbst teilgenommen hatte, den Referenzpunkt. Dort war heimlich ein Notizbuch in Umlauf gebracht worden, um 15.000 Unterschriften für verfassungsmäßige Neuwahlen zu sammeln.

Wie aber ist ein künstlerisches Werk einzuordnen, dass sich ästhetisch auf verschlungene postkonzeptuelle Pfade begibt, um eine doppelte ironische Kritik sowohl am Sozialismus in Hernández’ kubanischer Heimat als auch an den Auswüchsen des fortgeschrittenen Kapitalismus auszuüben, dessen Produkte er zudem in einem an Marcel Broodthaers’ gemahnenden Museum of Capitalism archiviert? Was hat es zu bedeuten, dass die Arbeit sich einerseits der Metaphorik von Licht und Schatten bedient, anderseits aber mögliche Bedeutungen auf der metonymischen Ebene immer wieder verschiebt? Vielleicht ist das, was wir hier mit Mitteln der Zeichnung, Collage, Skulptur und Installation vorgeführt bekommen, eine Art literarischer Essay über das Scheitern von Utopien. Und ein Appell an die individuelle Wahrnehmung und Denkfähigkeit, sich gegen oktroyierte Interpretationen der Welt und der Dinge zu wenden und einfach etwas anderes mit ihnen zu tun, als Regierungen und Nachbarn, die Gesellschaft und ihre Konventionen es uns abfordern. So kann es passieren, dass in einer Galerie einfach mal das Licht ausgeschossen wird.